Inhalt

Projekt: Spielend abnehmen, Jahr: 2001

Projekttitel

Spielend abnehmen

Setting

Schulen / Bildung

Zielgruppe

Kinder

Ort/Land

Ravensburg, (BW)

Jahr

2001

Projektträger

Landratsamt – Gesundheitsamt Ravensburg, Volkshochschulverband Baden- Württemberg

Projektleitung

Dr. med. Barbara Unger
+49 (0)751 85 572

→ ges@landkreis-ravensburg.de
Kinder beim Sackhüpfen

Spielend abnehmen

Ernährungskurs für Kinder von 6 bis 12 Jahren

Übergewicht ist vor allem ein Verhaltensproblem. Betroffene Kinder einfach auf Diät zu setzen, hilft entsprechend wenig. «Spielend abnehmen» baut denn auch auf der Erkenntnis auf, dass Kinder, die sich falsch ernähren und zu wenig bewegen, damit häufig familiäre oder soziale «Mangel-Erscheinungen» kompensieren: Der zwölfwöchige Kurs versteht sich als Anfang eines Lernprozesses, den Kind und Eltern gemeinsam bewältigen müssen.

Das Projekt wurde an insgesamt 12 Volkshochschulen im Landkreis im städtischen und ländlichen Raum des Landkreis Ravensburg durchgeführt.

Ziele

Langfristiges Projektziel ist die Verhaltensänderung von Kindern und Familien, Weiterbetreuung nach stationärer Adipositas-Therapie durch:

  • Steigerung des Bewegungsverhaltens
  • Steigerung der Lebensfreude und des Selbstwertgefühls
  • Erlernen von Verhaltensstrategien
  • Teilnahme an einer Gruppe mit gleichartigen Teilnehmern (Selbsthilfecharakter)
  • Ernährungsschulung der Eltern
  • Psychologische Tipps für Eltern
  • Auffinden und Weitervermitteln von psychisch erheblich auffälligen Kindern
Methoden

Das Projekt läuft weiterhin regelmässig im städtischen Bereich (Ravensburg/ Weingarten) und wird dort sowohl von den niedergelassenen Kinderärzten, der Kinderklinik St. Nikolaus sowie von den Krankenkassen unterstützt und von den Eltern und Kindern gut angenommen.

Im ländlichen Raum läuft das Projekt in Abhängigkeit von dem Engagement Einzelner (Volkshochschulen, Lehrkräfte) unregelmässig und mit unterschiedlichem Echo. In den angrenzenden Landkreisen (Biberach, Bodenseekreis, Sigmaringen) haben einzelne Volkshochschulen das Projekt ebenfalls realisiert. Sowohl Volkshochschulen als auch Krankenkassen sind «zähe» und relativ unbewegliche Kooperationspartner.

Von den ersten 18 Kindern wurde mit Unterstützung des Landesgesundheitsamtes (Laborkosten!) ansonsten aber ehrenamtlich eine kurze Studie bezüglich Gewichtsverlauf, Bodymass-Index, Blutfettwerte, Blutdruck- und Pulsverhalten bei Belastung sowie Bewegungsverhalten der Kinder erstellt. Diese finanzielle Unterstützung (ca. 400,– DM pro Jahr) durch das Landesgesundheitsamt ist seit Anfang 2000 gestrichen, seitdem ruht die Studie.

Mit den Fachkliniken Wangen, einer Reha-Einrichtung im Landkreis Ravensburg zur stationären Behandlung übergewichtiger Kinder, wurden Gespräche über Möglichkeiten zur Vernetzung von stationärer und ambulanter Betreuung geführt.

Erfahrungen

Der Kurs selbst

Der Kurs «Spielend abnehmen » ist kein Diätkurs – die Kinder sollen v.a. unter Mithilfe und «Rückendeckung» durch die Eltern lernen, mit ihrem Verhaltensproblem umzugehen. Dies ist ein langfristiger Prozess, der nur durch die Förderung von Bewegungsverhalten und Selbstbewusstsein, durch Erlernen neuer Verhaltensstrategien und vor allem durch die Liebe und Annahme des Kindes von Seiten der Eltern gelingen kann.

Hieraus wird sofort ersichtlich, dass ein Kurs über zwölf Wochen dies allein nicht leisten kann. Wir können nur Hilfestellungen und Anregungen geben. Psychologisch erheblich auffällige Kinder können im Rahmen des Kurses nicht betreut werden, sondern müssen an entsprechend qualifizierte Stellen weitergeleitet werden. Dies gelingt ebenfalls nur unter Mithilfe der Eltern. Bei allen teilnehmenden Kindern versuchen wir den Spagat zwischen maximal möglicher Betreuung im Rahmen dessen, was die Eltern und Kinder zu leisten bereit sind. Ein Kursnachmittag pro Woche à zwei Stunden für total EUR 107,– (mit Unterstützung der Krankenkassen komplett oder teilweise, wenn ein Attest vom Arzt vorliegt und die regelmäßige Teilnahme bescheinigt ist) ist für viele Familien das maximal zu Bewältigende. Wir arbeiten daran, den Kindern einen Folgekurs über weitere drei Monate anbieten zu können. Dies ist bislang an finanziellen Problemen und auch am fehlenden Engagement vieler Eltern gescheitert.

Obwohl der Leidensdruck innerhalb der Familien sehr gross ist, erhoffen sich die Eltern meistens eine «Rosskur», die bei ihrem «Problemkind» innerhalb von zwölf Wochen das erwünschte Resultat bringt. Oft ist das Kind jedoch nur Symptomträger einer insgesamt auffälligen Familienstruktur, so dass eine Änderung des kindlichen Verhaltens immer eine Änderung des familiären Verhaltens nach sich ziehen muss und vice versa.

In der Regel kommen wir hier nicht weiter, da diese Einsicht den meisten Eltern fehlt. Eine weiterführende psychologische Betreuung z.B. im Rahmen einer Familientherapie wäre oft indiziert, wird aber von den betroffenen Familien zu diesem Zeitpunkt meist nicht in Erwägung gezogen.

Bewegungsangebot

Des weiteren haben wir uns Gedanken gemacht, den Selbsthilfecharakter der Gruppe dahingehend zu erhalten, dass wir ein reines Bewegungsangebot in Anschluss an unser Projekt anbieten. Dies geschieht mit Hilfe der örtlich angesiedelten Kindersportschule Weingarten, die seit Anfang 2001 eine rein bewegungstherapeutische Gruppe nur für übergewichtige Kinder anbietet. Wir haben uns erhofft, so die Kinder weiter auffangen zu können, indem wir die Schwelle hinsichtlich der psychologischen Betreuung senken, die Kinder jedoch weiterhin sehen und so auf lange Sicht der Zugang zu den Familien erhalten bleibt.

Aus unserer kleinen Studie haben wir gelernt, dass der Faktor Bewegung messbar gesteigert werden kann, und somit steht in dieser Gruppe der Spass an Bewegung mit den Folgen wachsenden Selbst- und Körperbewusstseins im Vordergrund. Es zeichnet sich jedoch ab, dass mit dieser Gruppe nicht dieselben Kinder erreicht werden können. Diese Gruppe wird anscheinend nur von Kindern der höheren Mittelschicht (da privat finanziert) erreicht, die ohnehin schon relativ viel für Gesundheit und Bewegung tun.

Die Kinder der VHS-Gruppen schließen sich nur sehr selten dieser reinen Sportgruppe an, nehmen aber auch an einem VHS-Folgekurs nur sehr selten teil, obwohl der Zuspruch unter den Kindern innerhalb der VHS-«Grundkurse » enorm ist. Wieder handelt es sich – so ergibt es sich aus zahlreichen persönlichen Gesprächen – wohl um ein familiäres Compliance- (auf deutsch «Mitmach»-) Problem (wie bereits oben erwähnt).

Folgeprojekt

In der Zwischenzeit entstand aus dem Projekt «Spielend abnehmen» ein Folgeprojekt: `Euregio Adipositas´- eine vernetzte Betreuung von adipösen Kindern und Jugendlichen (bis 18 J.) im Kompetenzraum Bodensee. Die Pilotphase des im Rahmen der Interreg-III A-Förderung der EU entwickelten Projektes läuft ab September 2004 zunächst bis September 2007 im Landkreis Ravensburg, im österreichischen Bundesland Vorarlberg und im Kanton St. Gallen in der Schweiz.