Inhalt

Projekt: Hilfe statt Strafe, Jahr: 2001

Projekttitel

Hilfe statt Strafe

Setting

Betriebe / Arbeitsplatz

Zielgruppe

Mitarbeiterinnen / Mitarbeiter

Menschen mit Drogen-/Suchtproblemen

Ort/Land

Schwandorf, (B)

Jahr

2001

Projektträger

Bundesgrenzschutzamt Schwandorf

Projektleitung

Helmut Wittig
+49 (0)9431 881 584

→ bgsamt-sad@t-online.de
Eine Hand in vier Positionen,zuerst gefaustet,dann imme rmehr geöffnet

Hilfe statt Strafe

Ein Projekt zur Suchtberatung und Suchtprävention in einer grossen Bundesunterbehörde

Man kann als Arbeitgeber/-in darüber hinwegsehen – bis es zu spät ist. Oder handeln – vorbeugend, aufklärend, unterstützend: Beim Bundesgrenzschutzamt Schwandorf – einer Bundesunterbehörde bestehend aus einer zentralen Büroorganisation und 11 Aussendienststellen – betreuen ein Suchtberater und ein Netz von Vertrauenspersonen die 1800 Mitarbeiter/-innen. Fazit nach 27 Monaten: 55 Beschäftigte – eine Zahl, die auf die frühere Dunkelziffer schliessen lässt – fanden den Mut, sich ihrem Problem zu stellen. Und einen neuen Weg zu gehen.

„Durch das Eingehen des Programms auf die Bedürfnisse des Einzelnen, ohne dass dieser Angst vor Strafe haben musste, war auch die Bereitschaft bei den Betroffenen zum Einstieg in die Therapie deutlich gestiegen.“
Ziele

Erfolgreiche Bewältigung von Suchtproblemen durch

  • möglichst effektiven Einsatz von kompetentem Betreuungs- und Beratungspersonal
  • enge Kooperation mit externen Hilfs- und Therapieeinrichtungen
  • ganzheitliche, auf die individuellen Bedürfnisse abgestellte Verfahrensabläufe unter Einbindung des sozialen Umfeldes und der Berücksichtigung verursachender krankmachender Einflüsse und Strukturen
  • Bewusstmachung und Festlegung von Verantwortlichkeiten im Bereich der Führung und der Kollegen

Verhinderung von Suchtproblemen durch geeignete Prävention

  • Fortbildungsmassnahmen über Ursachen und das Entstehen von Alkoholismus, den Verlauf der Krankheit und möglichen Therapien. Zielgruppe: Alle Beschäftigten. Feinziele: Erkennen und Einschätzen des eigenen Trinkverhaltens durch Selbstreflexion sowie Suche und Inanspruchnahme geeigneter, die Ursachen beseitigender Problemlösungen
  • Fortbildungsmassnahmen über den ganzheitlichen Lösungsansatz. Zielgruppe: Vorgesetzte. Feinziel: Bewusstmachung bzw. Aufzeigen von betreuenden Begleitungsmassnahmen im Rahmen der Fürsorge, möglicher Einflussnahmen auf den Behandlungsverlauf und der Verantwortlichkeit während und insbesondere nach der Therapie
  • Vertrauensbildende Massnahmen; Unterstützungsangebot bei der Bewältigung von Problemen, die Alkohol verursachen können; Aufzeigen der Verfahrensabläufe unter dem Motto «Hilfe statt Strafe», sowie der Möglichkeit der Wiedereingliederung nach erfolgreicher Therapie. Zielgruppe: Alle Beschäftigtem. Feinziele: Förderung der Akzeptanz und des «Anzeigeverhaltens» bei nicht zu erwartenden Sanktionen und in Aussicht gestellter Wiedereingliederung

«Enttabuisierung» der Suchtproblematik durch offenen, konsequenten und durchgängigen Umgang damit

Methoden
  • Ein zentraler Suchtberater wurde eingesetzt (Polizeihauptmeister Helmut Wittig). Er ist organisatorisch beim Dienststellenleiter angesiedelt. Darüber hinaus besteht ein Netz von Vertrauenspersonen als dezentrale Ansprechpartner bei den einzelnen Dienststellen
  • Der Suchtberater hat durch intensive Kontaktaufnahme ein jederzeit ansprechbares Netzwerk externer Hilfs-, Beratungs- und Therapieeinrichtungen aufgebaut, das die als Ziele definierten Fortbildungen ohne Einschränkung gewährleistet. Die Fokussierung auf einen Suchtberater hat sich im Hinblick auf die Abwicklung als äusserst effektiv herausgestellt. Offene Türen in den Leitungsebenen sind Beweis der Anerkennung unserer Methode in einschlägigen Fachkreisen.
  • Die Ablaufpläne werden massgeschneidert. Psychologen und Sozialpädagogen prüfen in mehreren Stufen, ob eine Suchterkrankung vorhanden ist. Zusammen mit dem Suchtberater des Amtes erarbeiten sie ggf. einen auf die individuelle Situation abgestellten Verfahrensweg. Bei Alkoholkranken reicht das Spektrum der Therapiemöglichkeiten von psychotherapeutischen Einzelgesprächen über die ambulante Partnertherapie bis hin zum stationären Aufenthalt in der Fachklinik für Suchterkrankungen.
  • Die Familie wird mit an Bord geholt. Der Suchtberater motiviert die Suchtkranken mit Nachdruck, die Familie in das Behandlungskonzept einzubinden. Er besucht die Familien, um Hemmschwellen abzubauen, Co- Abhängigkeiten aufzuzeigen und zur Mitwirkung im Sinne des Ganzen anzuregen.
  • Im letzten Drittel der Langzeittherapien treffen sich in der Fachklinik der Therapeut, der Betroffene, sein Dienstvorgesetzter und der Suchtberater, um die Wiedereingliederung zu regeln. Hier reicht der Chef die Hand zum Neuanfang und eröffnet die Möglichkeit zur Integration.
  • Das Reaktionsprogramm wird begleitet von präventiven Massnahmen. Vorträge von fachlichen Kapazitäten, Besuch von medizinischen Einrichtungen, Vorträge des Suchtberaters in den Dienststellen mit einem professionell ausgearbeiteten Powerpoint-Vortrag, der auf den neusten Erkenntnissen der Suchtforschung basiert, Steuerung von Informationskampagnen und Wanderausstellungen wie z.B. «Rauchfrei» der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung umfasst das aufgelegte Programm. Damit wird den Kollegen und Vorgesetzten die Befähigung zur Früherkennung von Suchterkrankungen und zum Umgang mit abhängigen Kollegen ihres Arbeitsbereiches vermittelt. Der Vorgesetzte schaut nicht mehr weg, gerät nicht mehr in Co-Abhängigkeit und kann zielgerichtete Massnahmen in die Wege leiten.
Erfahrungen

Evaluation: Dunkelziffer aufgehellt

Aktuell notierte der Suchtberater 55 Fälle, die einer Suchtberatung bedurften (darunter 12 Mitarbeiter mit psychosomatischen Störungen wie Angstzuständen und Depressionen). Die innerhalb von 27 Monaten Projektdauer scheinbar sprunghaft angestiegene Zahl erkannter Suchtkranker waren jedoch kein plötzlicher Anstieg neuer Fälle, sondern Teil der Dunkelziffer die durch erfolgreiche Prävention und einem normalisierten Umgang mit dem Thema Sucht aufgehellt wurde. Durch das Hilfsprogramm und dessen Attraktivität, auf die Bedürfnisse des Einzelnen einzugehen, ohne den Schatten drohender Strafe, war auch die Bereitschaft bei den Betroffenen zum Einstieg in die Therapie deutlich gestiegen. So konnte bei 16 Beschäftigten die volle Arbeitsfähigkeit wieder hergestellt werden.

Folgerungen für die Zukunft

Suchterkrankungen sind häufig die Folge beruflicher und/oder privater Probleme und einer wenig ausgeprägten Konfliktfähigkeit. Solche Ursachenkomplexe bedürfen daher auch einer ganzheitlichen Betrachtung. Nicht nur die Symptome gilt es zu beseitigen, sondern auch die Ursachen. Vor diesem Hintergrund hat sich das praktizierte System mit einem Team aus Dienstvorgesetzten, zentralen Suchtberater und dezentralen Vertrauenspersonen, integrierter Familien sowie intensiver Nachsorge bewährt und zwischenzeitlich Anerkennung durch externe Fachleute gefunden. Eine Optimierung der Prävention wird noch in der frühzeitigen Hilfe bei der Bewältigung der die Sucht begünstigenden Problemfelder gesehen. Der vermeintlich einzige «Fluchtweg» Sucht ist damit nur noch eine Alternative unter anderen Problemlösungsmöglichkeiten.